Lüften kann jeder. Fenster auf, Fenster zu – was soll daran schwierig sein? Aber zwischen Lüften und richtig lüften liegt in der Praxis ein erheblicher Unterschied. Und dieser Unterschied entscheidet mit darüber, ob sich in einer Wohnung Schimmel bildet oder nicht.
Die gute Nachricht: Es gibt keine komplizierten Techniken zu erlernen. Aber ein paar Grundprinzipien sollte man kennen.
Stoßlüften – die wichtigste Methode im Alltag
Stoßlüften bedeutet: Fenster vollständig öffnen, für kurze Zeit, dann wieder schließen. Fünf bis zehn Minuten reichen in den meisten Räumen aus, um die Luft vollständig auszutauschen. Was dabei passiert, ist einfach: Die feuchte, verbrauchte Raumluft strömt nach außen, trockene Außenluft strömt herein.
Der entscheidende Vorteil gegenüber Kipplüften ist der echte Luftwechsel. Beim Kipplüften bewegt sich durch den schmalen Spalt kaum genug Luft, um die Raumluftfeuchtigkeit nennenswert zu senken. Gleichzeitig kühlt die Oberfläche rund um den Fensterrahmen durch die kalte Luft, die unten einströmt, stärker aus – was dort Kondenswasser begünstigt, nicht verhindert.
Wer im Winter mit dem Argument spart, Stoßlüften koste zu viel Heizenergie, sollte wissen: Die Wände und Möbel speichern Wärme. Beim kurzen Stoßlüften kühlt die Luft im Raum kurz ab, aber das ist keine verlorene Energie – die Heizung gleicht das innerhalb weniger Minuten aus. Die Wärmeverluste durch fünf Minuten Stoßlüften sind deutlich geringer als die langfristigen Kosten eines Schimmelbefalls.
Querlüften – wenn es schnell gehen soll
Querlüften ist die effektivste Lüftungsmethode überhaupt. Dafür braucht man gegenüberliegende Öffnungen – zwei Fenster auf verschiedenen Seiten eines Raumes, oder ein Fenster und eine Tür zu einem anderen Raum mit offenem Fenster. Wenn beide gleichzeitig geöffnet sind, entsteht ein Luftzug, der die Raumluft aktiv durchströmt und austauscht.
Zwei bis drei Minuten Querlüften sind oft wirksamer als zehn Minuten einfaches Stoßlüften. Der Luftdurchsatz ist erheblich höher, die Feuchtigkeitsabfuhr entsprechend schneller.
In der Praxis ist Querlüften nicht immer möglich – manche Räume haben nur Fenster auf einer Seite, oder die Wohnung liegt so, dass kein Durchzug entsteht. Aber wo es geht, sollte man es nutzen: nach dem Duschen, nach dem Kochen, nach dem Aufwachen.
Lüften nach Raumnutzung denken
Ein pauschaler Lüftungsplan funktioniert schlechter als ein situationsabhängiger. Die Frage ist nicht nur, wie oft man lüftet – sondern wann und in welchem Raum.
Schlafzimmer morgens. Zwei schlafende Personen geben pro Nacht mehr als einen Liter Feuchtigkeit durch Atemluft und Körperwärme ab. Diese Feuchtigkeit steckt nach dem Aufwachen komplett in der Raumluft. Direkt nach dem Aufstehen zu lüften – Fenster weit auf, fünf Minuten – ist deshalb im Schlafzimmer besonders sinnvoll.
Küche nach dem Kochen. Beim Kochen wird erheblich Wasserdampf erzeugt, besonders beim Bodenkochen oder Dünsten ohne Deckel. Dunstabzugshauben helfen, aber ersetzen das Lüften nicht vollständig. Nach dem Kochen kurz Stoßlüften und gleichzeitig die Küchentür schließen, damit die feuchte Luft nicht in andere Räume zieht.
Bad nach dem Duschen. Das Bad ist der feuchteste Raum der Wohnung. Direkt nach dem Duschen: Fenster auf, Tür zu. Wer kein Fenster im Bad hat, sollte die Tür nach dem Duschen geschlossen halten und nur öffnen, wenn Lüftung im angrenzenden Raum möglich ist.
Wohnzimmer und andere Räume. Hier ist die Feuchtigkeitsbelastung geringer – aber auch hier sammelt sich über den Tag Feuchtigkeit an. Zwei- bis dreimal täglich reicht in der Regel.
Im Winter anders als im Sommer?
Im Sommer lüften die meisten intuitiv mehr und häufiger. Im Winter ist der Reflex oft das Gegenteil: Fenster geschlossen halten, Heizwärme behalten. Das ist verständlich – aber es führt genau in die falsche Richtung.
Kalte Winterluft enthält wenig absolute Feuchtigkeit. Wenn sie in die Wohnung einströmt und sich dort erwärmt, ist die relative Luftfeuchtigkeit dieser Luft deutlich niedriger als die der verbrauchten Raumluft. Stoßlüften im Winter senkt die Raumluftfeuchtigkeit besonders effektiv.
Ein praktischer Hinweis für den Winter: Heizkörper vor dem Lüften nicht abdrehen. Wer die Heizung kurz vor dem Lüften herunterdreht, spart zwar kurzfristig Energie, verlängert aber die Zeit, bis der Raum danach wieder warm ist. Heizung laufen lassen, kurz lüften, fertig.
Was richtig lüften nicht kompensieren kann
Lüften ist eine der effektivsten und kostenlosesten Maßnahmen gegen Schimmel. Aber es ist kein Allheilmittel. Strukturelle Kältebrücken, aufsteigende Feuchtigkeit aus dem Mauerwerk oder dauerhafte Baumängel lassen sich durch Lüftungsverhalten allein nicht beheben.
Wer konsequent und richtig lüftet und trotzdem immer wieder Schimmel an denselben Stellen findet, sollte die Ursache woanders suchen – in der Bausubstanz, nicht im eigenen Verhalten. Ein Hygrometer hilft dabei, den Überblick über die Raumluftfeuchtigkeit zu behalten und zu beurteilen, ob das Lüften tatsächlich wirkt.
